Ich bin ratlos: Was machen wir hier eigentlich gerade? Was soll ich machen und wie gehen wir miteinander um? In was für einer Welt wache ich morgens auf?
Ich habe viel nachgedacht, gelesen und Podcasts gehört in den letzten Wochen. Immer wieder auf der Suche nach Antworten darauf, wie wir eine so krasse Werteverschiebung einfach hinnehmen können. Für einen Moment war ich versucht, hier nur noch heilsame Yogavideos hochzuladen – aber ganz ehrlich: Deinen Nackenschmerz wirst du mit Yoga allein nicht in den Griff bekommen. Wenn wir weiter wegschauen und uns denken „wenn ich nicht hingucke, ist es nicht da“, dann wird dieses soziale Päckchen im Nacken immer untragbarer und unaushaltbarer.
Es ist de facto so, dass die Krisen, die wir haben, lösbar sind und dass es genügend Menschen gibt, die sich auskennen und Lösungen haben. Trotzdem erleben wir eine Politik, die all das ignoriert und unverhohlen die Interessen weniger bedient, statt für die Allgemeinheit Verantwortung zu übernehmen. Seit gut 30 Jahren findet in Deutschland eine Umverteilung von unten nach oben statt, deren Ausmaß heute für immer mehr Menschen spürbar wird, weil sie sich ihr normales Leben nicht mehr leisten können.
Maja Göpel, die ich gerade in allem verschlinge was sie publiziert, bringt es wunderbar auf den Punkt: Wenn ein Milliardär eine Million spendet, wird das als großartig wahrgenommen – dabei spürt er im Alltag gar nicht, dass er eine Million weniger hat. Wenn jemand ohnehin wenig Geld hat und jetzt noch fünf Euro mehr für Medikamente ausgeben muss, hinterlässt das sofort eine Lücke im Budget. Trotzdem zielen Reformen immer wieder auf genau diese Menschen ab, die durch Inflation und steigende Lebenshaltungskosten ohnehin schon unter Druck stehen. Es wird nicht auf Expertinnen gehört, sondern wieder nur das Interesse der ohnehin schon Mächtigen berücksichtigt.
Das zieht sich durch viele Bereiche: Gesundheitssystem, Energiepolitik, Klimaschutz. Immer wieder das gleiche Muster. Claudia Traidl-Hofmann hat gerade ein spannendes Buch veröffentlicht, in dem sie den Umbau des Gesundheitssystems zu einem echten Präventionssystem fordert – weg vom Pillen- und Ersatzteileverschreibsystem. Und auch beim Thema Klimapolitik scheitern wir nicht an fehlender Technologie, die ist längst da. Wir scheitern an den Interessen derer, die gut am Status quo verdienen. Dabei wären die Lösungen oft so naheliegend: Warum sind Grundnahrungsmittel wie Obst und Gemüse nicht mehrwertsteuerfrei? Warum definieren wir Wohlstand über Kapitalbesitz, statt über Gesundheit, Zeit und Ausgeglichenheit – wie es noch vor wenigen Jahrzehnten selbstverständlich war?
Was mich dabei am meisten beschäftigt: Wie können wir das Gefühl überwinden, mit all dem allein zu sein? Denn das sind wir nicht. Wir sind viele. Es gibt Länder in Europa, die längst andere Wege gehen und zeigen, dass es funktioniert. Statt zu fragen, warum das bei uns nicht klappen kann, sollten wir anfangen, von ihnen zu lernen. Und wir dürfen uns freimachen von dem Glauben, dass die Dinge immer schon so waren und deshalb alternativlos sind. Das sind sie nicht.
Ich fühle mich dieser Tage in meinen Grundwerten erschüttert. Denn für mich endet Yoga nicht am Mattenrand. Es ist vor allem eine Haltung im Leben – eine Haltung, die jedem Menschen, jedem Tier und jedem Planeten wertschätzend begegnet. Würden wir diese Haltung als Grundprämisse nehmen und unsere gesellschaftlichen Entscheidungen daran messen, glaube ich, wären viele Krisen längst überwunden.
Im Yoga nähern wir uns diesem Prinzip durch Umkehrhaltungen. Die Idee dahinter: Es ist gut, mindestens einmal am Tag die Welt umzukehren. Das hilft beim Perspektivwechsel. Und das Schöne ist – wenn wir auf der Matte damit beginnen, können wir es irgendwann auch im Leben umsetzen.
In diesem Sinne verziehe ich mich jetzt erst einmal auf meine Yogamatte.